Aufschwung durch Speicherausbau
Wenn es nach der aktuellen Entwicklung geht, wird Anfang 2008 die deutsche Wirtschaft im Sektor Handel mit Festplatten oder anderen Datenspeichern einen Aufschwung erfahren: das neue Gesetz zur Speicherung von Verbindungdaten wird den Bedarf Datenspeichern erheblich erhöhen.
Mit wem ich letzte Woche telefoniert habe, ob ich einer meiner Geschäftspartner schon länger nicht angemailt habe oder aus welcher Quelle ich den meisten Spam bekomme, ist mir nicht wirklich bekannt und geht eigentlich auch niemanden etwas an. Ob sich Kunden meiner Internet-Unternehmung jeden Tag eMails untereinander schreiben, regelmäßig mit Freunden in Australien kommunizieren oder sich jede neue Nachricht aufs Handy als SMS weiterleiten lassen, ist mir ebenso egal.
Andere in diesem Land haben dazu eine andere Einstellung: es könnte ja sein, dass es irgendwann mal irgendwie nötig sein müßte zu wissen, wann jemand jemandanderen angerufen hat, von aus dies geschah, vielleicht noch eine SMS kurz darauf an nochjemanden gesendet hat und wohlmöglich danach eine eMail von seinem Handy aus versendet hat. Dann man ja halt nicht vorher wissen kann, ob es wichtig wäre, dies zu wissen irgendwann, ist es doch für alle sicherer diese Daten erst einmal lange zu speichern – danach kann man ja immernoch überlegen, ob sonstjemand sie brauchen kann.
Diese Einstellung von ‘erst kopieren, dann wegwerfen’ hat nun einen sensiblen Bereich des Privatlebens erreicht. Daran ständig in Bussen, Bahnen und an öffentlichen Plätzen gefilmt zu werden, hat sich die Mehrheit einfach gewöhnt, was soll man auch dagegen tun. Wenn man nicht jeden Tag mit den gleichen Leuten unterwegs ist, ist es zumindest derzeit noch nicht möglich, bestehende Freundschaften und Kontakte gleich praktisch mit zu dokumentieren. Mit dem neuen Gesetzentwurf zur Vorratsdatenspeicherung wird dies anders: ein paar simple Klicks und es ist schnell feststellbar, wer mit wem wie oft telefoniert oder mailt und schon hat man eine fantastische Übersicht über zwischenmenschliche Beziehungen – Anbieter von social platforms wären begeistert, wenn ihre Mitglieder ebenso schnell verknüpfbar wären, dummerweise wird dort noch immer vom freiwilligen Austausch ausgegangen …

Die Panikmache bei der Terrorismusbekämpfung hat inzwischen einen Stand erreicht, wo Schäden in der Wirtschaft entstehen und soziale Brennpunkte aufkeimen.
Als Anbieter von Internetdienstleistungen wird man zukünftig noch deutlich mehr Daten mitspeichern sollen, als dies derzeit schon der Fall ist. Wo man sich heute als Anwender überlegt, ob man eine eMail-Adresse irgendwo auf einer Website eingibt um Informationen per Newsletter zu bekommen und dabei riskiert massenweise Spam gratis dazugeliefert zu bekommen, wird man zukünftig auch überlegen müssen, ob man überhaupt eine eMail noch rausschickt. Empfänger und Datum/Uhrzeit sind zu speichern, Überschrift und Inhalt derzeit noch nicht, doch oftmals ist dies wohl auch kaum nötig – eine Mail an frage@alkoholprobleme.tld ist ziemlich selbsterklärend.
Die Schäden für die Wirtschaft werden einige Zeit brauchen um deutlich zu werden – nach dem Kostenexplosionsbereich zum Jahresanfang 2008 durch die hohen Investitionen der Anbieter für Kommunikationsdienst, die sicherlich direkt an die Endverbraucher weitergegeben wird, werden gerade größere Firmen ihre Kommunikation gern ins nicht-europäische Ausland verlagern, um der Speicherung von Geschäftsverbindungdaten zu entgehen, die Folge dann noch weiterer Jobabbau im Inland. Im privaten Sektor wird nach den ersten Skandalen über die Nutzung von Verbindungsprofilen das Nutzungsverhalten vorsichtiger werden, weniger SMS, weniger Gespräche und wildeste eMail-Konten überall – gute Aussichten für ein anziehenden Konsum.
Bisher ist die Speicherung der letzten Tausend Orte von denen ich telefoniert habe und der Absender meiner letzten Hunderttausend Mails noch eine Leistung meines Gedächtnis und ein Stück meines Privatlebens – dies sollte auch so bleiben. Daher wird es Zeit die nächste Runde der völligen Überwachung zu stoppen, sowohl als Privatperson als auch als verantwortungsbewußter Unternehmer.
Beim Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung kann man dazu schon auf Vorrat Verfassungsbeschwerde einlegen.
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